Stefan K. Beck, Privatgelehrter und Projektemacher

Tagebuch

72. La Paz I

La Nuestra Señora de La Paz

Das Frühstück im Hotel, das im Preis inbegriffen war, hatte zwar europäisch-kontinentale Züge, war aber doch recht kärglich. Zwei Scheiben Toast, wenig Butter und ein Klecks Marmelade sowie eine kleine Tasse Tee war mir eigentlich zu wenig, aber einen Nachschlag gab’s nicht.

Etwas unzufrieden lief ich vom Hotel aus Richtung Süden. Nach gut zwei Kilometern auf der Prachtstraße El Prado bog ich nach Osten in eine Seitenstraße, wo ich das archäologische Nationalmuseum Tiahuanaco fand. Das rund hundert Jahre alte Gebäude enthält eine weder sehr große, noch sehr beeindruckende Sammlung vorspanischer Indianerkulturen. Immerhin fand ich die Präsentation und die spanischen Erklärungstafeln recht brauchbar. Von Tiwanaku war leider nur ein Teil der Sammlung und die anderen Kulturen kannte ich bereits. Trotzdem empfand ich den Besuch im Museum nicht als unnötig oder gar Zeitverschwendung, auch wenn ich zugeben muß, daß mich der Wand- und Deckenstuck aus Motiven von Tiwanaku fast mehr beeindruckte, als die Ausstellungsstücke. Ich ließ mir Zeit und schaffte es, wohl eher wegen der Hinweistafeln gut zwei Stunden in den beiden Stockwerken des Museum zu verbringen.

Zurück auf der Straße stellte ich fest, daß es auf Mittag zuging und wegen des schwachen Frühstücks, beschloß ich hier im teuren Zentrum zu essen. Das Essen in Café de la Ciudad war zwar viel zu teuer, aber gerechterweise muß ich zugeben, daß ich sehr zufrieden war. Unter den Gästen sah ich überraschend viele Einheimische, die alle sehr gut gekleidet waren. Offenbar Manager, die hier ihre Mittagspause verbrachten. Ich begab mich zurück zum Hotel zur Siesta.

Am Nachmittag hatte ich ein weiteres Museum, das näher am Hotel war, anvisiert, wollte mich aber vorher mit einem schnellen Bier in der tienda beim Hotel stärken. Die Auswahl in dem Laden war seltsam beschränkt. Eigentlich gab’s nur Kekse, Süßigkeiten und einige Getränke. Die Frau, die ich auf Ende fünfzig schätzte, hatte ich am Vortag bereits kennengelernt, aber, daß sie Koreanerin ist, erfuhr ich erst aus dem Gespräch mit ihrem Mann.

Victors tienda

Victor war vierundachtzig, aber noch ziemlich fit. Er erzählte mir von seiner Boxerkarriere, seiner einundzwanzigjährigen Tochter, die hier studierte und, auch weil ich dafür das meiste Interesse zeigte, von Chaco-Krieg 1932-35. Er war als junger Mann an einer Wellington-Flak eingesetzt worden, kannte aber durchaus die Schwierigkeiten, mit denen die Infanterie in der Savannenlandschaft des Chaco zu kämpfen hatte. Meist Männer aus dem Hochgebirge, waren sie nicht an die Hitze in den Ebenen gewöhnt und kannten sich entsprechend schlecht aus. Die Ausbildung war überstürzt durchgezogen worden und die Versorgung war ziemlich mangelhaft gewesen. Ein Gutteil der Verluste war auf diese schwerwiegenden Probleme zurückzuführen. Begonnen hatte die ziemlich unnötige Auseinandersetzung damit, daß die Standard Oil Company Öl im Chaco vermutete und dort zu bohren begonnen hatte. Da die Grenze zu Paraguay etwas unscharf gefaßt war und die Paraguayos ebenfalls an dem vermeintlichen Ölreichtum teilhaben wollten, entspann sich ein Grenzkonflikt um eine Region, für die sich vorher niemand interessiert hatte. Paraguay gewann schließlich den Krieg, hatte aber, genau wie Bolivien, nichts als den Verlust einiger zehntausend Soldaten erreicht, denn es stellte sich heraus, daß die Ölvorkommen dort ziemlich mickrig waren und Standard Oil zog wieder ab. Bolivien aber hatte wieder einmal Territorium eingebüßt, diesmal fast eine Viertel Million Quadratkilometer. Seit der Unabhängigkeit hat Bolivien in acht Auseinandersetzungen mit allen Nachbarn insgesamt rund eineinviertel Millionen Quadratkilometer eingebüßt. Heute verfügt das Land noch über knapp eins Komma eins Millionen Quadratkilometer, rund sechsundvierzig Prozent der ursprünglichen Fläche!

Das Gespräch mit Victor fand ich so anregend, daß ich es dem Museumsbesuch vorzog und bis zum Einbruch der Dunkelheit in seinen Laden stand. Wir unterhielten uns auch über die bolivianischen Präsidenten. Luis Garcia, beispielsweise, der zum Zeitpunkt der Reise im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in der Nähe von La Paz saß, über das Victor sagte, es sei dort extrem kalt in der Höhe. Dazu muß man wissen, daß die Temperatur in La Paz im Jahrsmittel zehn Grad beträgt. Garcia hatte offenbar so intensiv mit der Drogenmafia zusammengearbeitet und sich dabei bereichert, daß man selbst hier nicht mehr darüber hinwegsehen konnte.

Auch der Präsident, der gerade an der Macht war, Hugo Banzer, war Gegenstand unseres Gesprächs. Wie bereits vorher erwähnt, hatte der inzwischen zum General beförderte Putschist Ende der Sechziger Jahre Menschen verschleppen und umbringen lassen. Victor bestätigte dies zwar sofort, meinte aber, daß die Verhältnisse in Argentinien und Chile zur selben Zeit viel schlimmer gewesen seien. Jedenfalls amüsierten wir uns prächtig, als wir über Victors kleine Rente sprachen, die er mit dem Laden aufbesserte, und ich einwarf, daß Banzer sich wegen seiner Rente keine Sorgen zu machen brauchte.

Deutsche Spuren

Schließlich verabschiedeten wir uns herzlich und ich lief zu einem Restaurant, das ich bei meinen Wanderungen durch die Stadt und im Reiseführer entdeckt hatte. Im Dos Laureles genehmigte ich mir eine Lokalspezialität namens Pique Macho, übersetzt etwa Herrenspieß. Die Portion war gewaltig, der Preis vertretbar und geschmeckt hat’s mir auch. Nur hat mir das Essen die ganze Nacht schwer im Magen gelegen und mir den Schlaf geraubt.

Nicht besonders früh ging ich zum Frühstück. Weil der Kellner nichts für das schwache Frühstück konnte, kamen wir in ein kurzes Gespräch. Er erzählte mir von anderen Deutschen, die im Hotel abgestiegen waren. Ich sagte: "Ich weiß" und deutete auf einen Aufkleber an einer Schiebe. "Eisern Union" stand da, bezogen auf den FC Union Berlin. Als ich den Aufkleber zum ersten Mal gesehen hatte, mußte ich ein zweites Mal hinschauen, weil ich es erst nicht glauben konnte: Ostberliner Fußballfans in La Paz! Der Kellner, der den Aufkleber gesehen hatte, wußte ihn aber nicht zu deuten und bat mich zu übersetzen, was darauf stand. Keine leichte Aufgabe, denn "eisern" in dem verwendeten Sinn mußte ich eher übertragen, denn die direkte Übersetzung war so auf spanisch nicht möglich. Aber der Mann hat verstanden, was der Aufkleber ausdrücken sollte. Er schien zu wissen, von wem der Aufkleber war, denn er sagte, die Leute kämen schon seit Jahren regelmäßig hierher.

Feierstunde im Museum

Anschließend stand das Museo Tambo Quirquincho auf dem Programm. Ich brauchte nur ein paar Minuten vom Hotel aus, um es zu Fuß zu erreichen. Im Innenhof fand eine Zeremonie statt, bei der irgendwelche Leute von Staats wegen mit einer Medaille ausgezeichnet wurden. Festakt mit Kapelle und Ehrengäste. Daran war ich wenig interessiert und wandte mich den Ausstellungen im dem schönen Kolonialhaus zu. Als ich durch die Kunstsammlung von mehr oder weniger zeitgenössischen Bolivianern, die mich nicht sehr beeindruckte, schritt, kam ich an zwei Polizisten vorbei.

Vielleicht, weil meine Haare ziemlich lang waren, sicher nicht wegen meiner Kleidung, sprach mich der jüngere der beiden Bullen an. Er wollte wissen, was ich hier mache. Die Exponate betrachten, natürlich, antwortete ich. Das schien ihm aber seltsamerweise hier, im Museum, nicht einleuchten zu wollen. Ich solle mich doch ausweisen. Ich trug zwar, wie üblich, meinen Personalausweis bei mir, hatte aber keine Lust auf seine Version staatlicher Willkür und fragte ihn, was er sich einbilde, harmlose Museumsbesucher grundlos belästigen und kontrollieren zu wollen. Der Ton des Gesprächs verschärfte sich zusehends, da ich nicht im mindesten gewillt war, auf seine Forderung einzugehen. Schließlich rief ihn sein älterer Kollege zurück und ich setzte meinen Rundgang fort.

Nach einigen Minuten kam der Bulle erneut auf mich zu und entschuldigte sich. Sein Kollege wird ihn zurecht darauf hingewiesen haben, daß, wenn ich mich wegen seines Verhaltens bei meiner Botschaft beschweren würde, er mit Konsequenzen zu rechnen hatte. Daran hatte ich aber nicht gedacht, weil ja im Prinzip nichts passiert war. Er hatte es versucht und ich hatte mich widersetzt. Kein Grund zu übertriebener Aufregung. Das sagte ich ihm allerdings nicht, sondern ließ ihn seine Entschuldigung zelebrieren. Im anschließenden Gespräch, das offenbar nur dazu dienen sollte, mich vom Gang in die Botschaft abzuhalten, gab ich ihm sogar zu, Deutscher zu sein. Er schien jedenfalls erleichtert, daß ich die Sache nicht an die große Glocke hängen wollte und verabschiedete sich höflich. Mir gab der Vorfall allerdings zu denken. In über acht Monaten in Südamerika hatte ich mit der Polizei keinen Ärger gehabt, aber hier in Bolivien gleich zwei mal innerhalb von drei Tagen.

Ich ließ die moderne Kunst hinter mir und kam zu der Abteilung mit Fotos der Stadt aus dem ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Hier bedauerte ich, nicht schon mehr von der Stadt gesehen zu haben, um den direkten Vergleich mit den abgebildeten Gebäuden anstellen zu können. Trotzdem fand ich die Ausstellung gut und hilfreich beim Verständnis der Stadtgeschichte. Dazu kamen etwa aus der selben Zeit Kleidungs- und Möbelstücke, die das Bild von La Paz rund hundert Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit abrundeten. Schließlich kam ich in den letzten Abschnitt des Museums, wo Original-Karnevalsmasken und -kostüme ausgestellt waren, die bis in die Dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zurückreichten und die alle über Jahre hinweg zum Einsatz gekommen waren. Die Herstellung dieser Masken erfordert echte Künstler, die viel Geduld in ihre Verkleidungen investiert haben. Mich erinnerten die Kostüme jedenfalls erheblich mehr an alemannische Häs, denn an die Kostüme des rheinischen oder venezianischen Karnevals, wenn auch sicher in einer exotischeren Form.

Abarbeiten von Notwendigkeiten

Zum Mittagessen bin ich zurück ins Hotel. Offenbar war ich nicht der einzige, der dem Mittagessen, das dort angeboten wird, erheblich mehr abgewinnt, als dem Frühstück, denn es war recht voll im Speisesaal. Nach einer kurzen Siesta traf ich mich mit Victor, der mich zu einem Frisör begleiten wollte, den er offenbar gut kannte. (Weniger, wegen des vormittäglichen Vorfalls, als mehr wegen der geplanten Arbeitssuche, hatte ich dies schon geplant gehabt.) Leider war der Mann nicht da, so daß ich mich seinem Helfer anvertrauen mußte, der aber ebenfalls eine brauchbare Arbeit leistete. Auf dem Weg zum Frisör liefen wir durch den Mercado de Hechichería, den Hexenmarkt, auf den mich Victor explizit aufmerksam machte. Ich hatte in meinen Reiseführern gelesen, daß es hier neben Heilkräutern auch seltsame Heil-, Beschwörungs- und Schutzzauber angeboten werden, bis hin zu eher unappetitlichen Lamaföten, die eine Schutzfunktion gegen böse Geister ausüben sollen. Es war sicher ein Erlebnis durch die farbenfrohen Stände mit den Indianerfrauen dahinter zu laufen, aber eine überschaubare Straße hätte ich dem Gewimmel vorgezogen.

Als ich mich von Victor verabschiedet hatte, nachdem er mir noch ein paar Fahrradläden genannt hatte, weil ich die Bremsbacken der Hinterbremse nicht selbst lösen konnte, da der Imbuskopf innen rund war, nahm mein Ärger beim Fahrradfahren durch die überfüllten Straßen weiter zu. Völlig ungeregelt und unkontrolliert kann offenbar jeder, der gerade Lust dazu hat, einen Stand mit irgendwelchen Waren aufstellen und damit den Bürgersteig blockieren. Daher sind die Straßen voller Fußgänger und in deren Mitte drängten sich einige Autos oder LKWs. Für Fahrräder hatte man wenig Verständnis. Mein Verständnis für dieses Chaos hielt sich aber ebenfalls in sehr engen Grenzen, so daß ich einige Male recht heftig auf meinen Weg bestehen mußte, den mir vor allem ältere Frauen zu ihren Gunsten streitig machen wollten. Immerhin war nicht der ganze Rundweg, den ich zu den Werkstätten zurücklegen mußte, derart überfüllt. Dafür konnte mir aber auch keiner Ersatzbremsbacken anbieten, die paßten, aber genau das machten sie zur Vorraussetzung, die verbrauchten aufzuschrauben.

Schließlich kehrte ich ins Hotel zurück. In der Hoffnung ein gescheites Restaurant zu finden, lief ich eine ganze Weile durch die Stadt, war aber wieder unzufrieden. Bevor ich ins Hotel zurückkehrte, suchte ich im Internet ohne rechte Motivation nach Flügen zurück. Das Ergebnis war ziemlich ernüchternd. Von Bolivien aus sind die Flüge unverschämt teuer. Außerdem wollte ich noch etwas Urlaub machen, bevor ich nach Europa zurückkehrte. Mit einigen Bieren aus Victors tienda, die mir seine Frau verkauft hatte, kehrte ich ins Hotel zurück und bereitete mich auf die nächsten Sehenswürdigkeiten vor.

Kultur

Nach dem ungenügenden Frühstück konnte ich wenigstens im Hotel waschen lassen. Dann machte ich mich auf den Weg zu den vier nebeneinanderliegenden Museen in der Calle Apollinaro Jaen. Ich wußte zwar, daß die Museen erst um zehn aufmachten, aber ich war trotzdem etwas zu früh. Ich nutzte die Gelegenheit, um an einem Kiosk in der Nähe eine Schachtel der einheimischen Filterlosen zu Kaufen. Astoria, wie sie sich etwas hochtrabend nannten, überzeugten mich weniger, als Pielroja oder Inca, waren aber den unsäglichen ecuadorianischen insofern überlegen, als sie aus dunklem Tabak bestehen.

Schließlich öffnete das Museo Costumbrista Juan de Vargas verspätet und ich konnte mir einige Überbleibsel der Konquistadoren, wie Waffen, Rüstungen und Kleidung ansehen. Neben einigen Kirchenreliquien fand ich, wie bereits in Ayacucho, retablos, diese kleinen Schreine mit religiösen Darstellungen, einige alte Ölschinken und ein paar kolonialzeitliche Möbel. Offenbar, weil bolivianische Besucher in ihren Museen wenig geneigt sind, zu lesen, waren die Beschriftungen eher unscheinbar und auf das Notwendigste reduziert. Dafür fand ich jedoch einige Kleinpupendioramen, die einige Ereignisse aus der bolivianischen Kolonialgeschichte darstellten und dabei nebenbei die Lebensumstände der Paceños, das sind die Einwohner von La Paz, zeigten. Etwas unmotiviert stand auch ein Modell der RA II von Thor Heyerdal in einer Ecke. Das Kolonialhaus lohnt den Besuch sicher, aber von südamerikanischen Hauptstädten war ich Besseres gewohnt. La Paz ist zwar nicht die Hauptstadt, das ist Sucre, aber es ist Regierungssitz und bei weitem die größte Stadt Boliviens.

Das Museo del Litoral Boliviano erinnert ziemlich sentimental an die im Salpeterkrieg verlorene Küstenprovinz Litoral. Wer käme in Deutschland auf die Idee, ein romantisch verklärtes Ostpreussenmuseum zu besuchen... Immerhin gab es einige Fotos aus dem Salpeterkrieg, dazu Waffen und Uniformen, sowie Karten mit den Grenzen Boliviens vor dem Salpeterkrieg. Einige Schlachtengemälde rundeten das Bild vom verlorenen Meereszugang ab. An dieser Stelle sei daran erinnert, daß Bolivien gut ein Jahr nach Beginn des Krieges kapituliert hatte, während Peru, das eigentlich nur die Interssen Boliviens unterstützt hatte, noch einige Jahre weitergekämpft und sich fast alle verlorenen Gebiete zurückgeholt hatte.

Das Museo de los Metales Preciosos, also der kostbaren Metalle, würde anderswo vielleicht Goldmuseum geheißen haben, aber wieder fand ich das Niveau ziemlich niedrig, so daß sie möglicherweise selbst eingesehen haben, daß der Name Goldmuseum doch etwas zu hochtrabend gewesen wäre. Zumal die meisten Stücke, wie die kleinen Beschriftungen verrieten, aus der Privatsammlung eines Herrn Buck stammten. Neben tumis, rituell-medizinischen Opfermessern mit halbmondförmiger Klinge, topos, Gewandnadeln, sah ich Kronen, orejones, das sind Ohrpflöcke, und anderen Schmuck. Ich glaube nicht, daß die frühen Indianerkulturen Boliviens schlechtere Kunsthandwerker waren, als ihre nördlichen Nachbarn, es wird wohl eher so sein, daß die besten Stücke, ähnlich, wie in Ecuador, an private Sammler verkauft wurden, anstatt den staatlichen Museen zugeführt worden zu sein. Immerhin hatte man sich hier die Mühe gemacht, eine Einführung auf Texttafeln zu geben und einige Keramiken dazu zu stellen. Etwas verloren, aber sehenswert, war der Stein, der aus Tiwanaco hergeschafft worden war. Ob er wirklich als Kunstobjekt nach la Paz kam, weiß ich allerdings nicht, denn dieser einmalige Kulturschatz wurde jahrhundertelang als Steinbruch mißbraucht, um andere Gebäude zu errichten.

Das letzte der vier Museen ist die Casa de Don Pedro Domingo Murillo. Dieser hatte Mitte 1809 einen Aufstand gegen die Spanier in La Paz angeführt. Anfang 1810 war er dafür öffentlich auf dem Platz, der heute seinen Namen trägt, hingerichtet worden. Hier, in seinem Haus, fand ich einige im Originalzustand restaurierte Räume mit Artefakten, die er angeblich selbst benutzt haben sollte. In den anderen Räumen standen einige der bereits bekannten Dioramen mit kleinen Figuren, die den Besuchern das Leben in früheren Zeiten plastisch vor Augen führen sollten. Ein Diorama hatte den lokalen Karneval zum Thema, daher tragen die Kleinpuppen entsprechende Kostüme.

Im Reiseführer hatte ich gesehen, daß ein empfohlenes Restaurant in der Nähe war, das ich beschlossen hatte auszuprobieren. Das Casa de los Paceños ist sicher nach bolivianischen Maßstäben teuer, aber ich war sehr zufrieden, sowohl was das gediegene Ambiente, als auch das Essen anging. Entsprechend war auch das Publikum: Nur sehr wenige Einheimische, meist jüngere Touristen.

Nach der nicht mehr frühen Siesta, hatte ich nur noch Gelegenheit ins Netz zu gehen, weil ich mit einem meiner Freunde eine ausführlichere Diskussion um Tiwanaku führte. Was als kleiner Spaziergang zum Abendessen begonnen hatte, wuchs sich zu einer Wanderung aus, die mich ins Zentrum führte. Aber zufrieden war ich nicht mit dem teuren Essen, das man mir vorsetzte. Zurück in der Nähe des Hotels fand ich eine Stand, an dem bolivianischer Wein angeboten wurde. Für umgerechnet sieben Mark entsprach er im Preis einen Wein aus dem Supermarkt in Deutschland, aber La Concepción, aus der an Argentinien grenzenden Provinz Tarija, überzeugte mich.

Der reiche, warme Süden

Ich hatte geplant, in die Zona Sur, die südlichen Stadtgebiete, zu fahren, um mir das Museo de la Historía Natural anzusehen. Weil es wieder erst um zehn Uhr öffnete, ließ ich mir mit dem Aufstehen und den Frühstück Zeit. Anschließend nahm ich ein Bus, der mich in die tiefergelegenen und daher wärmeren Stadtteile brachte. Gut eine Dreiviertelstunde war ich unterwegs durch noch nie gesehene Viertel südlich des Zentrums, bis ich den Bus dort verließ, wo mir der Portier im Hotel gesagt hatte, es wäre am günstigsten. Ich konnte dies deswegen, weil hier die Straßen numeriert waren und ich mich daher ohne große Schwierigkeiten an den Straßenschildern orientieren konnte. Die Gegend war deutlich feiner, als der Norden, in dem ich wohnte. Meist Villen und dazwischen teuer aussehende Läden in Gegensatz zu den fünfstöckigen, alten Wohnhäusern, im Indianerviertel. Als ich etwa sechshundert Meter tiefer im Talkessel von La Paz ausstieg, merkte ich sofort, daß es deutlich wärmer war, als in der Nähe des Altiplano.

Ich lief zum Museum, das ich ebenfalls leicht fand und mußte feststellen, daß es geschlossen war. Inzwischen war es nach halb elf. In einer Mischung aus Verärgerung und Verwunderung lief ich am Zaun entlang, der das Areal umspannte, um vielleicht einen weiteren Eingang zu finden. Ohne Erfolg kehrte ich zum Haupteingang zurück und erwischte den Wärter, der gerade aufschloß. Als ich den Eintritt bezahlte, fragte er mich, ob ich schon lange gewartet hätte. Wahrheitsgemäß sagte ich, daß ich gut zehn Minuten hier verbracht hatte. Der Mann fürchtete offensichtlich um seinen Arbeitsplatz, denn er entschuldigte sich bei mir, um zu verhindern, daß ich mich beschwerte.

In der niedrigen Halle, in der das Museum für Naturgeschichte untergebracht war, fand ich hauptsächlich präparierte Tiere und lebende Pflanzen ausgestellt. Es gab auch eine Ecke mit Fossilien und Minerlien. Bei dem Reichtum an Mineralien, die Bolivien zu bieten hat, empfand ich die etwa dreißig ausgestellten Minerale geradezu unverschämt wenig. Wirklich gut waren davon nur zwei oder drei Stufen; na ja, immerhin besser, als im Ausland gekaufte Steine den Besuchern anzubieten. Bei den Fossilien sah es kaum besser aus. Die Versteinerungen stammten auffälligerweise entweder aus dem Erdaltertum oder der Erdneuzeit. Das Mesozoikum, das in Mitteleuropa mit Trias, Jura und Kreide weite Teile bedeckt, fehlte hier völlig. Eine echte Sensation wäre der vierhundertsiebzig Millionen Jahre alte Fisch gewesen, wenn er nicht gerade ausgeliehen gewesen wäre. So konnte ich nur statt des Fossils einen Zeitungsartikel betrachten, der an seiner Stelle in der Vitrine lag. Zu dieser, immerhin von National Geographic bestätigten Zeit, an der Grenze vom unteren zum mittleren Ordovizium, entstanden die ersten fischartigen Lebewesen.

Die ausgestopften Tiere und Pflanzen, die nach den reichlich in Bolivien vorhandenen Klima- und Vegetationszonen geordnet waren, hatten, nach meinen Erfahrungen südamerikanisches provinzniveau, nicht aber die Qualität, die man in einer Hauptstadt erwarten sollte. Ich sah, nach Regionen arrangiert, Vögel, Reptilien, Fische, Amphibien, Insekten und Säugetiere. Ich hatte mich schon vor der Reise gefragt, wie ein Agouti aussah, denn ich hatte gelesen, daß man diese Tiere in den Urwaldregionen ißt. Das etwa rehkitzgroße Tier hatte deutliche Züge eines Meerschweinchens mit langen stelzenartigen Beinen und schien mir durchaus eßbar. Für Reisende, die sich vom Land selbst keinen Eindruck verschaffen können, bot die Sammlung durchaus einen Überblick über Flora und Fauna. Wohl weniger für Touristen, als mehr für Einheimische schienen mir die Umweltschutzhinweise zu jeder Zone gemacht worden zu sein, da ein Umweltbewußtsein, wie ich aus Europa gewöhnt bin, auf der Reise nur selten anzutreffen war. Bei dem Reichtum, den Bolivien an Naturschätzen bietet, erschien mir die Ausstellung als eher schwach.

Zurück auf der Straße, machte ich mich auf die vergebliche Suche nach einem deutschen Restaurant, von dem ich im Reiseführer gelesen hatte. Die Mönchsklause blieb mir aber verborgen, zumal in dieser Villengegend praktisch niemand auf der Straße war, den ich hätte fragen können. Ich lief noch eine Weile herum, wobei ich mich zurück in Richtung auf die Innenstadt bewegte und als ich bereits aufgeben wollte, fand ich zufällig ein Gasthaus an der Straße.

Der Geschäftsführer, Leslier Manuel, suchte das Gespräch mit mir und als ich ihm erzählte, daß ich mit dem Fahrrad hierher gekommen sei, spendierte er mir einen Fernet Branca, der hier offenbar nicht mehr so ungewöhnlich war, da er im Nachbarland Argentinien in Lizenz hergestellt wird. Weil ich ihm auch erzählte, daß ich eventuell hier auch Arbeit suche, empfahl er mir einen Archäologen, den er offenbar gut kannte, an den ich mich wenden solle. Meinen Einwand, ich sei Geologe und kein Archäologe, wischte er mit der Begründung beiseite, daß der Archäologe über derart viele Verbindungen verfügte, daß ich mich getrost an ihn wenden könne.

Schließlich fuhr ich mit dem Bus zurück und hielt im Hotel eine verspätete Siesta. Weil Sonntag war und ich für den Rest des Nachmittags nichts zu tun hatte, machte ich einen Spaziergang durch das Viertel in dem das Hotel steht. Immerhin erschienen mir die Straßen nicht so überfüllt zu sein, wie werktags.

Die Suche nach einem Restaurant zum Abendessen gestaltete sich wieder schwierig. Im einen Restaurant gab’s kein Bier im anderen wollte man mich am Rauchen hindern. Schließlich fand ich einen etwas schäbig aussehenden Laden, der sich The Estate nannte und in dem man an diesem Tag frisches lechon anbot. Das gegrillte Spanferkel mit Füllung hat mich überzeugt und ich bedauerte nun nicht mehr, den sicher nobleren Restaurants vorher den Rücken gekehrt zu haben. Bevor ich ins Hotel zurückkehrte, beschaffte ich mir wieder eine Flasche Rotwein aus Tarija, am selben Stand, wie am Abend vorher, nachdem ich an anderen Ständen herausgefunden hatte, daß der Preis immer der selbe war.



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